Es steckt alles in den Schlagzeilen: Die subtile Art der Informationsmanipulation

07.01.2021 Aus Von agonist admin

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Kremlfreundliche Medien werben für den Impfstoff Sputnik V, indem sie den Eindruck erwecken, die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) habe Verhandlungen mit dem Entwickler des russischen Impfstoffs, dem Gamaleja-Institut, aufgenommen.

Die in Moldau ansässige Faktenprüfungswebsite StopFals fand heraus, dass mehrere kremlfreundliche Medienkanäle eine Geschichte verbreiteten, in der behauptet wurde, die Europäische Union stehe in Verhandlungen mit dem russischen Entwickler des Impfstoffs Sputnik V. Die russischen Medien verbreiteten irreführende Schlagzeilen um das Narrativ zu fördern, dass der russische Impfstoff in der EU stark nachgefragt wurde und erweckten den Eindruck, dass es die Europäische Arzneimittel-Agentur war, die Gespräche mit dem russischen Impfstoffhersteller aufnahm.

Tatsächlich hat die Pressestelle der Europäischen Kommission für Gesundheit erklärt, dass „die Europäische Arzneimittel-Agentur noch keinen Zulassungsantrag für den russischen Impfstoff gegen COVID-19 erhalten hat. Die Agentur wurde jedoch vom Hersteller des Impfstoffs kontaktiert, und sie nehmen nun die Gespräche über den Impfstoff auf.“

Die Europäische Arzneimittel-Agentur nimmt nicht an Verhandlungen über Impfstoffe teil, die darauf abzielen, eine Auswahl geeigneter Impfstoffkandidaten für die EU zu sichern. Die Agentur gibt unabhängige Empfehlungen zu Human- und Tierarzneimitteln in Europa ab. Wenn also der russische Entwickler seinen Impfstoff auf dem EU-Markt vertreiben möchte, müsste er sich mit einem Antrag auf eine laufende Überprüfung oder einen Zulassungsantrag an die EMA wenden -genau wie jeder andere Impfstoffentwickler. Nach eigenen Angaben der russischen Kanäle selbst hat die EMA bislang keinen Antrag für den Vertrieb von Sputnik V auf dem europäischen Markt erhalten.

Das Problem der irreführenden Schlagzeilen

Das Problem mit irreführenden Schlagzeilen mag im Zusammenhang mit den vielfältigen Herausforderungen durch Desinformation gering erscheinen. Eine Schlagzeile kann jedoch unsere Denkweise verändern und löst falsche Vorstellungen und gedankliche Abkürzungen aus, die auf unserem eigenen, bereits vorhandenen Verständnis für das Thema beruhen. Obwohl die russische staatlich kontrollierte Nachrichtenagentur RIA ein Zitat der Pressestelle der Europäischen Kommission liefert und erklärt, dass die EMA keinen Antrag vom Entwickler von Sputnik V erhalten hat, verzerrt ihre Schlagzeile „EU-Agentur für Arzneimittel hat Gespräche mit Sputnik V-Hersteller begonnen“ (Агентство ЕС по лекарствам начало переговоры с производителем „Спутник V“) die tatsächlich berichtete Lage. So wird der Eindruck vermittelt, die Europäische Union versuche, den russischen Impfstoff zu bekommen und nicht umgekehrt, womit das allgemeine Narrativ über den weltweiten Erfolg von Sputnik V verstärkt wird.

Einige Medienkanäle nahmen sich in ihrer Berichterstattung sogar noch größere Freiheiten. Die russische, in staatlichem Besitz befindliche Tageszeitung Rossijskaja Gaseta hat in ihrer Schlagzeile verkündet, dass „die Verhandlungen über die Lieferung von Sputnik V an Europa begonnen haben“ (Начались переговоры о поставках „Спутника V“ в Европу), obwohl dies in Wahrheit nicht der Fall ist. Laut der Überschrift auf der Website von Krasnaja Vesna „erwägt die Europäische Union die Möglichkeit, den russischen Impfstoff Sputnik V zu prüfen“ (Евросоюз рассматривает возможность изучения российской вакцины „Спутник V“), was impliziert, dass die EU es auf den wissenschaftlichen Wert des Impfstoffs abgesehen hat. Wie bereits erwähnt wurde, würde die EMA die Eignung des Impfstoffs für den europäischen Markt erst dann beurteilen, wenn sie einen Antrag des Entwicklers erhalten hat, was bisher noch nicht geschehen ist.

Unangefochtener Spitzenreiter in Sachen kreative Schlagzeilen ist jedoch der nationalistisch orientierte Fernsehsender Tsargrad, der verkündete, dass „Europa seinen Stolz hinuntergeschluckt und Verhandlungen mit dem russischen Impfstoffentwickler aufgenommen hat“ (Европа проглотила гордость и начала переговоры с производителем вакцины „Спутник V“). Mit anderen Worten, die verzweifelte, verärgerte EU war gezwungen, ihre russlandfeindlichen Instinkte zu unterdrücken und Moskau anzuflehen, sein überlegenes Produkt auf den europäischen Markt zu bringen.

Irreführende Schlagzeilen über den Impfstoff von Pfizer-BioNTech

Leider sind irreführende, impfstoffbezogene Schlagzeilen in den kremlfreundlichen Medien nicht auf einen einzigen Fall beschränkt. Als die US-amerikanische Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (US Food and Drug Administration, FDA) einen begutachteten Bericht veröffentlichte, in dem der Fortschritt der Phase II- und Phase III-Studien für den Impfstoff von Pfizer-BioNTech beschrieben wird, ergriffen Desinformationskanäle eine weitere Gelegenheit für „kreativ“ verzerrte Schlagzeilen. Zum Beispiel verwendete Tsargrad eine sensationshaschende Schlagzeile über den „Blutigen Preis des Pfizer-BioNTech Impfstoffs “, während News Front verkündete, dass endlich bekannt ist, „wie viele Menschen durch den amerikanischen COVID-19-Impfstoff den Tod fanden“ (Стало известно, сколько человек убила американская вакцина против COVID-19).

In diesem Fall beriefen sich die Desinformationskanäle auf den FDA-Bericht, in dem festgestellt wurde, dass 6 von 43 448 Teilnehmenden an der Impfstoffstudie verstarben. Entscheidend ist, dass der Bericht besagt, dass „alle Todesfälle Ereignisse darstellen, die in der allgemeinen Bevölkerung der Altersgruppen, in denen sie auftraten, in ähnlicher Häufigkeit auftreten“, während eine ergänzende FDA-Meldung klarstellt, dass „keiner dieser Todesfälle vom Prüfarzt als mit der in der Studie erhaltenen Behandlung zusammenhängend bewertet wurde“. In ihren Artikeln räumen die Desinformationskanäle ein, dass 4 von 6 Todesfällen in der Placebo-Gruppe eingetreten sind. Doch weder Tsargrad noch News Front kümmern sich darum, ihre Leserschaft davon abzuhalten, diese Todesfälle direkt dem Impfstoff zuzuschreiben.

Desinformation im Überfluss

In den vergangenen Monaten bombardierten die kremlfreundlichen Medien das Publikum im In- und Ausland mit falschen Behauptungen über den weltweiten Drang, die COVID-19-Pandemie durch Massenimpfungen einzudämmen. Diese Entwicklung hat einen langen Weg hinter sich; von der Verbreitung von Verschwörungstheorien zur Herkunft des Coronavirus über die Stärkung der Impfgegnerschaft im Frühjahr bis hin zur derzeitigen neuen Phase, in der das weltweite Publikum Werbung für den Impfstoff Sputnik V ausgesetzt wird. Dies wird in der folgenden Zeitleiste zur Weiterentwicklung der kremlfreundlichen Desinformationsnarrative über Impfstoffe deutlich.

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